„Plesiosaurus“ bavaricus – ein Phantom im Schwarzjura

Titelbild: Halswirbel von „Plesiosaurus“ bavaricus in Vorder- und Untenansicht. Aus Dames (1895).

Ich hatte im vorletzten Jahr das Vergnügen gemeinsam mit meinen Kollegen Sven Sachs (Naturkunde-Museum Bielefeld) und Daniel Madzia (Paläobiologisches Institut Warschau) zwei Arbeiten zu Plesiosauriern aus Süddeutschland zu veröffentlichen. Die Fossilien sind auf den ersten Blick unspektakulär, haben aber einiges zu erzählen.

Im vorherigen Artikel hatten wir uns bereits die Studie von Sven, Daniel und mir zu Trematospondylus, dem ersten aus Deutschland benannten Plesiosaurier angesehen. Jetzt wollen wir uns unserer zweiten Plesiosaurier-Arbeit aus dem selben Jahr widmen.

Plesiosaurier aus dem Posidonienschiefer

Konkret geht es um Plesiosaurusbavaricus, eine kaum beachtete Art von Plesiosauriern aus dem süddeutschen Posidonienschiefer. Dieser dunkle „Schiefer“ (eigentlich ein Tongestein) ist neben den Plattenkalken des Altmühltals eine der bedeutentesten Fossillagerstätten Deutschlands, wenn nicht sogar der Welt. Die bekanntesten Fundorte sind Holzmaden (Landkreis Esslingen), Dotternhausen (Zollernalbkreis) und Altdorf bei Nürnberg (Landkreis Nürnberger Land).

Die Schichten des Posidonienschiefers wurden während des Toarciums (Unterjura) vor etwa 184 Millionen Jahren in einem Flachmeer abgelagert. Neben Ammoniten, Belemniten, Seelilien und zahlreichen Fischen bevölkerten auch verschiedene Reptiliengruppen dieses Meer, unter anderem Meereskrokodile, Ichthyosaurier und natürlich Plesiosaurier (Abb. 1).

Abb. 1 Skelett von Hauffiosaurus zanoni, ausgestellt im Urweltmuseum Hauff in Ohmden. Bild: NearEMPTIness unter CC BY-SA 4.0.

Von letzteren wurden bereits mehrere Gattungen aus dem Posidonienschiefer beschrieben wie Seeleyosaurus und Microcleidus aus der Familie Microcleididae, der Rhomaleosaurid Meyerasaurus oder der Pliosaurid Hauffiosaurus.

Sie alle sind durch mehr oder weniger vollständige, zusammenhängende Skelette belegt. Dies war möglich, da der Meeresgrund während der Ablagerung des Posidonienschiefers sehr feinkörnig, aber auch lebensfeindlich war. Das führte dazu, dass herabsinkende Kadaver schnell von Sediment bedeckt wurden und gleichzeitig weder durch die meisten Mikroben noch Aasfresser zersetzt werden konnten. Als Ergebnis sind oft auch Reste der Haut oder anderes Weichgewebe wie die Schwanz- und Rückenflossen der Ichthyosaurier erhalten geblieben.

Es wäre natürlich unfassbares Glück, wenn das mit allen Kadavern passiert wäre. Doch selbst in Fossillagerstätten wie dem Posidonienschiefer bleiben manchmal nur klägliche Reste übrig. Dennoch kann man selbst aus diesen isolierten Funden noch einiges an Information herauskitzeln. Ein Beispiel dafür: „Plesiosaurusbavaricus.

Fund und Zerstörung

Die Geschichte der Funde beginnt bereits im frühen 19. Jahrhundert. Georg Graf zu Münster (1776-1844), ein begeisterter Fossiliensammler und einer der ersten deutschen Paläontologen, nimmt fünf Knochen aus dem bayerischen Schwarzjura in seine Sammlung auf. Die Fossilien, zwei Hals-, zwei Rücken- und ein Schwanzwirbel, stammten nach zu Münsters Ansicht von der selben Art und er fasste wohl schon zur damaligen Zeit den Entschluss sie „Plesiosaurus bavaricus“ zu nennen.

Abb. 2 Wirbel von „Plesiosaurusbavaricus aus Dames (1895). 1) Großer Halswirbel von vorn (a), der Seite (b) und unten (c). 2) Kleiner Halswirbel von vorn (a), der Seite (b), oben (c), hinten (d) und unten (e). 3) Schwanzwirbel von unten.

Eine wirkliche Publikation über zu Münsters neue Art blieb aber erstmal aus. Die Funde gingen über an die Paläontologische Sammlung in München. Von dort wurden sie zur Untersuchung zeitweise an den Berliner Paläontologen Wilhelm Dames (1843-1898) geschickt. Dieser bildete sie 1895 erstmals detailliert in seiner Monographie über süddeutsche Plesiosaurier aus dem Schwarzjura ab (Abb. 2). Dames war bereit den ursprünglichen Namensvorschlag zu Münsters zu übernehmen. Des Weiteren stellte er in den Raum ob es sich bei „P.bavaricus um eine Art von Eretmosaurus handeln könnte. Letzterer, ein Verwandter der weiter oben erwähnten Posidonienschiefer-Plesiosaurier Seeleyosaurus und Microcleidus, war zu diesem Zeitpunkt nur aus dem Unterjura Englands bekannt.

Dames war außerdem der Ansicht, dass die beiden Rückenwirbel von einer anderen Plesiosaurier-Art als die restlichen drei Knochen stammen müssen. Tatsächlich wurden die fünf Wirbel nicht alle am gleichen Ort gefunden. Die beiden Rücken- und der Schwanzwirbel stammen aus Berg bei Neumarkt in der Oberpfalz. Die Halswirbel wurden dagegen bei Creez im Landkreis Bayreuth geborgen, etwa 68 Kilometer entfernt.

Gleiche Art oder nicht. Den fünf „P.bavaricus zugeordneten Fossilien ereilte 1944 dasselbe Schicksal. Wie viele andere Fossilien wurden sie im Bombardment der Aliierten auf München zerstört.

Ein weiteres Exemplar aus Altdorf?

Die Geschichte sollte im Jahr 2019 noch einmal eine Wendung nehmen. Sven Sachs, Erstautor unserer Arbeit, ist im Geologischen Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena über einen auf den ersten Blick unscheinbaren Knochen gestolpert (Abb. 3).

In der Sammlung lag der kleine Halswirbel eines Plesiosauriers. Wer ihn fand und wie er nach Jena kam lässt sich nicht mehr nachvollziehen, aber es war bekannt, dass er aus dem Posidonienschiefer von Altdorf bei Nürnberg stammte, also nicht unweit der Fundstelle der Rücken- und Schwanzwirbel bei Berg.

Abb. 3 Hinterer Halswirbel eines Plesiosauriers aus Altdorf bei Nürnberg. Ein weiterer Fund von „Plesiosaurusbavaricus? Wirbel in Vorder- (A), Links- (B), Ober- (C), Hinter- (D), Rechts-(E), und Unteransicht (F). cr = Halsrippe, df = dorsales Foramen, fs = subzentrales Foramen, nb = Basis des Neuralbogens, ns = neurozentale Naht, rf = Rippenfacette, vk = ventraler Kiel. Maßstab =5 cm. Aus Sachs et al. (2023b).

Ein größerer Bezug lässt sich allerdings mit den Wirbeln aus Creez herstellen. Der in Jena aufbewahrte Halswirbel und seine Gegenstücke bei „P.bavaricus sind fast identisch. Die Wirbel sind breiter als lang und je nach Knochen zumindest leicht breiter als hoch. Beide Gelenkflächen sind konkav, ihre Ränder sind verdickt, ein kleiner Fortsatz an der Unterseite wie man ihn bei einigen anderen Plesiosauriern findet, fehlt. Die Halsrippen waren einköpfig und an der Unterseite der Wirbel verläuft ein schmaler Kiel. Die Knochennaht, die Wirbelzentrum und den Neuralbogen verbindet ist von der Seite gesehen in etwa V-förmig. Die Hauptunterschiede finden sich bei der Größe und relativen Robustheit der Knochen. Das spricht wohl dafür, dass sie aus jeweils unterschiedlichen Abschnitten des Halses stammen.

Das sind für uns gute Hinweise, dass alle Halswirbel zur gleichen Art gehörten. Selbiges kann nicht für den Schwanzwirbel aus Berg gesagt werden. Dames stellte ihn zu „P.bavaricus, da er wie die Halswirbel eine konkave Gelenkfläche besaß. Mittlerweile weiß man aber, dass dieses Merkmal im Grunde bei allen Plesiosauriern vorkam. Wir schlagen deshalb vor, den Namen „Plesiosaurusbavaricus nur für die Halswirbel von Creez zu verwenden, wobei der Knochen in Jena wahrscheinlich zu einem Artgenossen gehörte. Der Schwanzwirbel hingegen kann lediglich als unbestimmbarer Plesiosaurier angesprochen werden.

Ein bayerisches Phantom

Was für ein Typ von Plesiosaurier war aber nun „Plesiosaurusbavaricus? Wir haben von ihm deutlich weniger Material als von den anderen Plesiosauriern des Posidonienschiefers, aber das soll uns nicht daran hindern einige Vergleiche zu ziehen.

Es ist sicherlich schon aufgefallen, dass ich die Gattung „Plesiosaurus“ hier immer in Anführungszeichen schreibe. Das macht man um zu zeigen, dass man die Zugehörigkeit einer Art zu ihrer einst zugeordneten Gattung anzweifelt. Traditionell wurden im Grunde alle Plesiosaurier-Arten in die Gattung Plesiosaurus gestellt. Nach heutigem Konsens gehört zu ihr aber nur die Art Plesiosaurus dolichodeirus. Die kennt man aktuell nur aus dem frühesten Unterjura von England und hat demnach etwa 10 Millionen Jahre vor „P.bavaricus gelebt.

Abb. 4 Lebendrekonstruktion von Lindwurmia thiuda. Ein naher Verwandter von „Plesiosaurusbavaricus? Bild von Nobu Tamura unter CC BY-SA 4.0.

Plesiosaurus war ein Mitglied der Überfamilie Plesiosauroidea. Da gehörten zum Beispiel auch die Posidonienschiefer-Gattungen Seeleyosaurus und Microcleidus dazu. Arten dieser Gruppe hatten meist einen stark verlängerten Hals mit einem vergleichsweise kleinem Kopf. Die Merkmale der bekannten Wirbelknochen von „P.bavaricus passen aber eher zu anderen Plesiosauriern.

Die meisten Übereinstimmungen finden sich bei den Arten Anningasaura lymense (früher Unterjura aus England) und Lindwurmia thiuda (früher Unterjura von Halberstadt, Abb. 4). Beides waren relativ „primitive“ Arten. Anningasaura steht ziemlich an der Basis der Plesiosaurier, Lindwurmia wiederum war ein Rhomaleosaurid.

Der Hauptunterschied zwischen den Wirbeln von „P.bavaricus und A. lymense findet sich bei einem kleinen Fortsatz an der Wirbelunterseite, der bei „P.bavaricus fehlt. L. thiuda wiederum hatte nicht nur einköpfige Halsrippen, sondern auch welche mit einem doppelten Kopf. Ansonsten ist „P.bavaricus beiden Arten recht ähnlich, was dafür sprechen dürfte, dass „P.bavaricus auch ein verhältnismäßig „primitiver“ Plesiosaurier war.

Es gäbe durch die vorhandenen Merkmale insgesamt gute Gründe anzunehmen, dass „P.bavaricus eine eigenständige Art war und man unter Umständen auch den „Plesiosaurus“ durch einen Gattungsnamen ohne Anführungszeichen ersetzen könnte. Da wir aber de facto kaum bekanntes Material haben und innerartliche Variation bei den Halswirbeln von Plesiosauriern möglich ist, haben wir uns erstmal dagegen entschieden eine neue Gattung zu benennen. Dennoch kann man wohl davon ausgehen, dass „P.bavaricus mit keinem der bekannten Plesiosaurier des Posidonienschiefers identisch ist. Wir haben mit „P.bavaricus nun quasi ein Phantom. Wir können sagen, dass es im Posidonienschiefermeer sehr wahrscheinlich einen weiteren Typ Plesiosaurier gab. Sein Erscheinungsbild und seine Beziehungen zu den anderen Plesiosauriern seines Lebensraums müssen aber vorerst ein Geheimnis bleiben.

Weiterführende Literatur

  • Sachs, S., Abel, P. und Madzia, D. (2023b). Unusual plesiosaur vertebrae from the Lower Jurassic Posidonia Shale of Germany. Historical Biology – An International Journal of Paleobiology 36(10), 2124-2132. doi: 10.1080/08912963.2023.2242376

3 Kommentare zu „„Plesiosaurus“ bavaricus – ein Phantom im Schwarzjura“

  1. Schick! In einer Sammlung über einen obskuren Wirbel stolpern, der sich als besonders herausstellt…kennt man ja. Hatten Sven und ich ja auch schon im Ruhrmuseum mit einem Choristodera-Wirbel. Man müsste eigentlich mal alle möglichen Sammlungen systematischer nach sowas durchforsten…wenn man denn die Zeit und Logistik hätte. So bleibt es immer etwas zufällig.

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    1. Danke 🙂 Ja, Sven hat da ein besonderes Talent für. Ich mach das auch gerne, hatte vor allem in Tübingen berufsbedingt öfters die Gelegenheit. Der beste Fall war bis jetzt in Stuttgart. Ich hatte für mein erstes eigenes Paper eine neue Klade an Meereskrokodilen beschrieben anhand eines Funds aus der Fränkischen Schweiz. Hab in Stuttgart wegen einem anderen Projekt bisschen die Schubladen durchgekuckt und dann einen angeblichen Dakosaurus gefunden. Meine Reaktion so: „Das ist aber kein Dakosaurus…Moooooment, den kenn ich doch!“

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      1. Bei dem Choristoderen damals – 2015 – war das so, dass uns der damalige Kurator, mit dem Sven schon lange zusammenarbeitete, den Wirbel zeigte, weil der grad mal nicht in der Vitrine lag. In der Vergangenheit war der so in Richtung Theropode oder Krokodil geschoben worden. Ich hielt das Ding so in der Hand und dachte: „Ne, nen Theropode ist das nicht.“ Während wir uns noch unterhielten, hab ich dann angefangen am Rechner des Kurators in Google zu stöbern. Theropode – nein. Krokodil – nein. Plesiosaurier – nein. Ichthyosaurier – ne, weiß ich auch so, nein. Und dann hab ich verkündet: „Wenn es kein üblicher Verdächtiger ist, dann muss es was ungewöhnlicheres sein.“ Und da mein Hirn sich ja gern die obskuren Dinge merkt, war meine nächste Suche: Choristodera – Vertebrae. Zack! Erwischt! Wurde dann ja ein Paper draus, nachdem wir das auf Herz und Nieren noch geprüft hatten. Und auch hier das Spielchen: Es ist ziemlich sicher eine neue Art – allein der Wirbel hat wenigstens zwei Mermale, die ihn von allen anderen Choristoderen bei allen Gemeinsamkeiten unterscheiden – aber für einen Namen, ist es dann doch zu wenig. Ich hoffe ja immer noch, dass irgendwann mehr aufploppt. Achte mal drauf, solltest Du jemals in Material aus der mittleren Kreide Mitteleuropas herumstöbern. 🙂

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