Titelbild: Schwanzwirbel von Trematospondylus macrocephalus in Unteransicht. Foto: Agnes Fatz.
Ich hatte letztes Jahr das Vergnügen gemeinsam mit meinen Kollegen Sven Sachs (Naturkunde-Museum Bielefeld) und Daniel Madzia (Paläobiologisches Institut Warschau) zwei Arbeiten zu Plesiosauriern aus Süddeutschland zu veröffentlichen. Die Fossilien sind auf den ersten Blick unspektakulär, haben aber einiges zu erzählen.
Der erste Deutsche
Ich hatte mit Plesiosauriern bis jetzt tatsächlich gar nicht so viel am Hut. Umso mehr hat es mich gefreut, dass Sven und Daniel mich bei ihren beiden Studien dabei haben wollten. Vor allem bei unserer ersten Arbeit hatte das auch praktische Gründe. Die Fossilien liegen in der Paläontologischen Sammlung Tübingen, wo ich zu dem Zeipunkt noch an meiner Doktorarbeit geschrieben habe.
Das Material (Sammlungsnummer GPIT-PV-45457) umfasst insgesamt sieben Wirbelknochen (Abb. 1), die im frühen 19. Jahrhundert von Friedrich August Quenstedt an den Hängen der Lochen (Zollernalbkreis) gefunden wurden. Quenstedt war der Auffassung hier die Knochen einer bislang unbekannten Art vor sich zu haben, die er im Jahr 1858 schließlich Trematospondylus macrocephalus nannte.

Der Name bezieht sich auf die Macrocephalenschichten, die wiederum nach dem Ammoniten Macrocephalites macrocephalus benannt sind. Quenstedt gab an, die Knochen aus einem Tongestein direkt unterhalb dieser Schichten geborgen zu haben. Anhand dieser Angaben können wir heute sagen, dass die Fossilien aus dem späten Bathonium (Mitteljura) und deshalb etwa 166 Millionen Jahre alt sind.*
Quenstedt konnte seine neue Art zu Beginn noch nicht wirklich zuordnen, hat aber dann doch bald erkannt einen Plesiosaurier vor sich zu haben. Die kannte man seit den 1820ern vor allem von Funden aus Großbritannien. Tatsächlich war Quenstedt hiermit der erste, der einen Plesiosaurier aus dem Gebiet des heutigen Deutschlands benannt hatte.
Neubetrachtung der Funde
Trematospondylus taucht danach nur noch sporadisch in der wissenschaftlichen Literatur auf und gerät ab dem 20. Jahrhundert quasi in Vergessenheit. Das ist bezüglich der wissenschaftshistorischen Relevanz ziemlich schade, unter Anbetracht des schlechten Erhaltungsgrads der Funde aber auch nicht überraschend.

Unsere Studie war dann nach über 130 Jahren die erste, die sich detailiert mit den Fossilien auseinandergesetzt hat. Obwohl die Knochen stark erodiert sind, konnten wir einige neue Aussagen treffen. Wir konnten zeigen, dass die sieben Wirbelknochen wohl alle aus dem hinteren Teil der Wirbelsäule stammen. Zwei der Knochen sind eindeutig Schwanzwirbel, selbiges gilt wahrscheinlich für vier weitere Wirbel. Bei dem letzten Wirbel handelt es sich vermutlich um einen Kreuzwirbel, er lag also im Bereich der Hüfte.
Spannend wird es dann allerdings bei der verwandtschaftlichen Stellung von Trematospondylus. Die Proportionen und Gestalt der Schwanzwirbel zeigen Ähnlichkeiten mit verschiedenen Vertretern der Rhomaleosauridae (Abb. 2), eine Familie oft recht großer Plesiosaurier, die zu ihrer Zeit zu den Top-Räubern der Meere gehörten. Es finden sich aber auch Gemeinsamkeiten mit Pliosauriden, ebenfalls Spitzenprädatoren mit einem kurzen Hals und großem Schädel und einigen Plesiosauroideen, die „typischen“ Plesiosaurier mit meist langem Hals und kleinem Schädel.
Also alles recht uneindeutig. Laut einer von uns zusätzlich durchgeführten computergestützten Verwandtschaftsanalyse (Abb. 3) scheint aber eine Zuordnung zu den Rhomaleosauriden die wahrscheinlichere Option zu sein.

Das ist insofern interessant, da Rhomaleosauriden vor allem aus dem Unterjura bekannt sind. Im Lauf des Mitteljuras wird ihre Nische mehr und mehr von den verwandten Pliosauriden übernommen. Mit seinen etwa 166 Millionen Jahren wäre Trematospondylus einer der jüngsten bekannten Rhomaleosauriden und wohl weiterhin ein Spitzenprädator gewesen. Angenommen seine Körperproportionen entsprachen denen anderer Rhomaleosauriden, dürfte Trematospondylus ähnlich groß wie Vertreter der Gattung Rhomaleosaurus gewesen sein. Das wäre dann eine Länge von etwa acht Metern.
Ansonsten muss man allerdings auch sagen, dass die Fossilien nicht gut genug erhalten sind, um Trematospondylus macrocephalus eindeutig als eigenständige Art zu betrachten. Trotz der wahrscheinlichen Zuordnung zu den Rhomaleosauriden können wir Trematospondylus macrocephalus nicht klar von anderen Plesiosaurier-Arten unterscheiden. Er ist deshalb ein nomen dubium.
Nichtdestotrotz hat sich gezeigt, dass selbst weniger beeindruckende Funde neue Erkenntnisse liefern und es sich durchaus lohnt ab und zu historische Literatur nach mittlerweile „vergessenen“ Fossilien zu durchstöbern.
*Günter Schweigert vom Naturkundemuseum Stuttgart hat uns im Nachgang informiert, dass wir mit der Ammonitenzone falsch lagen. Die Schicht war wahrscheinlich in der Zone des Oxycerites orbis und nicht Zigzagiceras zigzag wie von uns angegeben. An der Datierung ins späte Bathonium ändert sich aber nichts.
Weiterführende Literatur
- Sachs, S., Abel, P. und Madzia, D. (2023). A ‚long-forgotten‘ plesiosaur provides evidence of large-bodied rhomaleosaurids in the Middle Jurassic of Germany. Journal of Vertebrate Paleontology 42(5), e2205456. doi: 10.1080/02724634.2023.2205456
